Text: Von der Kritik der Praxis zur Praxis der Kritik

„Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.“ – Marx, Thesen über Feuerbach.

Vergangenes Jahr ereignete sich im Mai ein Großevent in Frankfurt am Main: 20.000 Menschen kamen zusammen, um ihrem Unmut gegen die europäische Krisenpolitik Ausdruck zu verleihen. Insbesondere ist die Austeritätspolitik und die deutsche Hegemonie in Europa Gegenstand der Kritik. Die Versammlung nennt sich Blockupy; dieses Jahr soll es wieder soweit sein. Dann werden vornehmlich bürgerliche Linke wie die Linkspartei, Attac, Gewerkschaften und der sonstige antikapitalistische (?) „bunte Haufen“ zusammenkommen, um erneut ihr Glück zu versuchen die Aufmerksamkeit der Medien zu erhaschen, das Spektakel zu begehen, in der Hoffnung die Proteste mögen sich ausweiten. Wohl zur Verwunderung einiger reiht sich dieses Jahr explizit auch das kommunistische …ums Ganze!-Bündnis in die Blockupy-Organisation ein. Also drängt sich die Frage auf, ob denn …ums Ganze! – mit ihrem Anspruch kategoriale Kapitalismuskritik zu leisten – begonnen hat auf Irrwegen zu wandern. Ist das so?

Zunächst für die Fans der Ideologiekritik

Es gibt keinen Grund zu Illusionen. Auch dieses Jahr wird es vermutlich den ideologisch notwendigen Schein in Form von Zins- und Geldkritik, strukturell antisemitischer Entgegensetzung von Finanz- und Realökonomie, Bankenbashing und einer personifizierten Kapitalismuskritik usw. geben. Es liegt in der „Logik“ der kapitalistischen Produktionsweise, dass den Menschen in ihrem Alltag das in Wert und Geld ausgedrückte Abstrakte, also das nicht sinnlich-stofflich Fassbare, mysteriös erscheint. Konkret hingegen scheint zu sein, was auf der Oberfläche in Erscheinung tritt und das ist es zugleich auch, was im Zentrum der falschen Kritik steht. Ideologiekritik besteht u.a. darin, diesen Zusammenhang aufzudecken. Daher erscheint eine Veranstaltung wie Blockupy reichlich problematisch, gar ablehnenswert. Es scheint so zu sein, als ob eine Beteiligung an Blockupy nur den ohnehin schon gesellschaftlich notwendigen Schein noch verstärkt, indem er ihn zusätzlich mobilisiert. Hinter dem Oberflächenphänomen des Scheins verbirgt sich aber die Tiefenstruktur der Logik des Kapitals. Daher zeigt sich in Blockupy gerade die Zwiespältigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung: Darin drückt sich zwar Kapitalismuskritik aus, aber doch innerhalb der Kategorien des Kapitalismus. Kaum bis nirgends werden die konstitutiven Kategorien wie Kapital, Wert oder Arbeit in Frage gestellt. Im Gegenteil verbergen sich hinter Blockupy auch reformistische Forderungen an den Staat, die Krise paternalistisch in die Hand zu nehmen.

Im Regelfall ist diese Feststellung für einen guten Teil der radikalen Linken Grund, auf solche Veranstaltungen zu verzichten. Und in der Tat, die Wirklichkeit ist hundsmiserabel – wer will da schon mit dabei sein? Heutige Praxis steht offenbar vor der Ausweglosigkeit, zur Immanenz der Verhältnisse verdammt zu sein. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Praxis in einer schlechten Wirklichkeit wirklich schlecht wird. Schließlich verhält sich die radikale Linke nicht bloß gegen die Wirklichkeit, sondern ist Teil derselben. Ob die Praxis aber wirklich schlecht wird, ist erstens eine praktische Frage und zweitens liegt ihre Beantwortung in der Wirklichkeit selbst. Diese Wirklichkeit der theorieradikalen Linken jedenfalls sieht im Normalfall so aus: Es gibt im linksradikalen Dunstkreis eine Kritik, etwa an Reformismus oder strukturell antisemitischer Kapitalismuskritik, die wiederum nur die radikale Linke selbst zur Kenntnis nimmt. Damit verlängert sie nicht nur unfreiwillig ihre gesellschaftliche Ohnmacht, indem sie sich nicht politisch mit der schlechten Wirklichkeit auseinandersetzt, sondern verdammt sich selbst zum tugendhaften Ausharren im Schlechten. Solche abstrakte Kritik bereits für politisch zu halten, wäre ein Fehlschluss. Hingegen ist es dem …ums Ganze!-Bündnis immerhin in Teilen gelungen, durch gezielte Beteiligung bereits Einfluss auf Blockupy zu nehmen. So wurde der Aufruf von Blockupy in eine radikalere Richtung verschoben: Formulierungen bloßer Finanzkritik wurden entfernt, sogar ein Satz gegen Antiziganismus, Rassismus und nicht zuletzt Antisemitismus – gleich ob von oben oder unten – fand unter dem Einfluss von …ums Ganze! Eingang. Hier zeigt sich bereits Wirkung.

Dann für die Fans der Praxis

Nichtsdestotrotz bleibt eine gewisse Skepsis gegenüber der Beteiligung an Blockupy. Der Ausgang ist schließlich ungewiss – das aber ist überaus trivial. Dann stellt sich die Frage, weshalb die radikale Linke für ein offensichtlich bloßes Spektakel so viel Zeit investieren sollte. Gäbe es nicht Wichtigeres zu tun? Zumal scheint es sich hier einfach nicht um eine kommunistische Veranstaltung zu handeln. Die Kapitalismuskritik sollte schließlich in einem kommunistischen Projekt eingebettet sein, das nach Marx und Engels „[…] nicht ein Zustand [ist], der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.” Den Anspruch, der damit an eine kommunistische Praxis gestellt ist, verfehlt einerseits das Lager der Praxisfreunde und andererseits das Lager der Ideologiekritik, wenn auch auf je unterschiedliche Weise. Die einen, weil in ihrer Praxis der Kritik das zentrale Movens kapitalistischer Vergesellschaftung, die Verwertung des Werts, selbst nicht in Frage steht; die anderen, weil ihre Kritik der Praxis sich mit der bloßen Gewißheit begnügt, eben diese auf den Begriff gebracht zu haben. So muss Ideologiekritik praktisch werden und Praxis ideologiekritisch. Nach diesen Kriterien geht es in Blockupy in der Tat nicht um Kommunismus. Es sieht zwar nicht nach Aufhebung des status quo aus, doch Blockupy bietet immerhin einen öffentlichen Raum für Kapitalismuskritik – im besten Fall kategoriale. Kommunistische Bewegung wäre die kategoriale Infragestellung von Kapital, Staat, Nation, Arbeit, Geschlecht u.v.m. Damit diese Bewegung aber wirklich werde, bedarf es der kritischen Einwirkung. Kritik an der Linken bedarf der direkten Konfrontation.

Sicher sind die Zweifel nicht grundlos. Mag es auch sein, dass ein guter Teil von Blockupy für das kommunistische Projekt schlicht als verloren zu gelten hat. Die radikale Linke hat aber nichts zu verlieren, denn sie selbst hat historisch bereits verloren. „Kritik im Handgemenge“ wird deshalb nicht nur nicht schaden, sondern vermag womöglich eine positive Wirkung zu zeigen. Im Zentrum der Blockupy-Veranstaltungen stehen deshalb auch kapitalismuskritische Vorträge und Workshops von …ums Ganze! und artikulieren, neben dem reformistischen, moralinsauren und affektuierten Rauschen über den Kapitalismus, eine kategoriale Kapitalismuskritik. Zudem wird es Aktionen gegen den deutschen sowie europäischen Rassismus am Abschiebeflughafen in Frankfurt am Main geben. Nicht zuletzt wird eine kritische Auswertung vom diesjährigen Blockupy den Sinn und Unsinn einer Beteiligung sowie überhaupt der Gesamtveranstaltung aufzeigen.

Also…?

In Leipzig gibt es im Grunde keine Diskussion um praktische Auseinandersetzung mit oder Intervention in linke Bewegungen. Stattdessen wird in der theorieradikalen Linken gemeinhin das „Primat der Kritik“ postuliert und zur politischen Praxis verklärt. Selbst in diesem Zwiespalt der radikalen Linken stehend, möchte also the future is unwritten als Teil des …ums Ganze!-Bündnisses seine eigene Befürwortung, aber auch Skepsis – bis hin zur Ablehnung – reflektieren und deshalb ein Diskussionsangebot unterbreiten: Im Rahmen einer Podiumsdiskussion werden der Autor Justin Monday, ein_e Vertreter_in von …ums Ganze! sowie Rüdiger Mats (the future is unwritten) das Thema kommunistischer Praxis im Allgemeinen und Blockupy im Besonderen diskutieren. Diesem Reflexionsprozess ist es letztlich geschuldet, dass wir diese Veranstaltung machen und nicht direkt zu Blockupy mobilisieren.

– the future is unwritten

5 thoughts on “Text: Von der Kritik der Praxis zur Praxis der Kritik

  1. wtb

    es ist eine uninteressante frage, ob man sich an diesen demonstrationen beteiligen soll oder nicht. eigentlich weiß jedes kind, dass sie belanglos sind, weil sich da nicht irgendein antikapitalismus versammelt, sondern der verfaulende kadaver der linken und die um ihn schwirrenden fliegen. vom theoretischen elend und den völlig ausgenudelten und langweiligen formen der selbstinszenierung fühlen sich zurecht viele nicht-linke leute abgestoßen, obwohl oder viel mehr gerade weil sie das mglw. diffuse bedürfnis nach aufhebung des bestehenden zustandes und nach begreifen ihrer situation haben. mit diesen leuten, die sich nicht um eine reform der linken und ihrer selbstreferentiellen sekten scheren und nach etwas anderem suchen, sollte man sich ins vernehmen zu setzen.
    zur „praxis“ (ihr meint hier sicherlich nicht im strikten sinne den gesellschaftlichen lebensprozess, sondern das rumlatschen auf demos und andere späße): das problem ist nicht, dass praxis irgendwie „immanent“ ist (was soll sie denn sonst sein? das problem ist, wie sich eine praxis konstituieren kann, die vom boden der bestehenden verhältnisse ausgehend diese umzuwälzen vermag), sondern eben was sie bewirkt, wie ihr richtig schreibt. demonstrationen können den gebrauchswert haben, bestimmte forderungen zu deklamieren. theoretische auseinandersetzungen sind aber kaum möglich, wie jeder weiß, der schon mal auf ein paar demos war. damit die forderungen aber nicht im leeren verhallen, muss schon eine theoretische einsicht bei den adressaten vorhanden sein. das ist heute offensichtlich nicht der fall. entweder macht man also so weiter und formuliert forderungen so opportunistisch, dass sie irgendwann mehr anklang finden (das war der weg von bisher allen linken, die sich nicht darum bemüht haben ihr theorie-praktisches elend aufzuheben) oder die aneignung von theorie muss einen vorrang gegenüber der demonstrationspropaganda u.ä. einnehmen. die praxis der theorie der linken ist ein haufen dreck und funktioniert meistens so, dass man lieblos ein paar flyer zusammenschmiert oder sektuöse „diskussions“veranstaltungen macht, die genauso unerträglich wie referate an der uni sind. ich kann jeden verstehen, der davon abgestoßen ist. eine form von revolutionärer praxis der theorie zu erobern, würde vor allem darin bestehen, wieder die kritik der politischen ökonomie zu studieren und versuchen zu aktualisieren. dann wären die kategorien der kdpö auch nicht bloße spielmarken und man würde nicht vom „in Wert und Geld ausgedrückte(n) Abstrakte(n)“ lallen.

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    1. gustav

      Das es “eine uninteressante Frage” ist, ob man sich an Spektakeln wie Blockupy beteiligt, weil “jedes Kind” weiß, “dass sie belanglos sind” und man deswegen lieber wieder die Kritik der politischen Ökonomie studieren sollte ist eben ein zutiefst unpolitischer und idealistischer Standpunkt. Unpolitisch deshalb, weil er sich nicht auf langfristige politische Arbeit in gesellschaftlichen Konfliktfeldern einlässt. Dort also, wo man eventuell mit den Menschen zusammenarbeiten müsste, die die dufte kategoriale Kritik, die man selber vertritt, noch nicht teilen (du bezeichnest das als “theoretisches Elend”). Stattdessen wird eine “Reinheit der Kritik” betont, mit der sich das bürgerlich-linksradikale Subjekt wohl zu distinguieren weiß, vom ganzen bauchlinken Plebs. Strategische Kompromisse, die zwangsläufig aus einer politischen Arbeit entwachsen, würden die in der Kritik praktizierte Selbstherrlichkeit ja auch empfindlich stören.
      Idealistisch, weil die “Aneignung von Theorie” zwar, da gebe ich dir Recht, für eine sinnvolle Praxis notwendig ist, aber keineswegs das Primat linksradikaler Tätigkeit sein sollte. Gesellschaftliche Transformationsprozesse funktionieren nicht nach dem Motto: Erst ganz viel lesen, dann sind alle überzeugt, dann kann man anfangen. Deine “Praxis der Theorie” ist nichts anderes als das selbstreferentielle “Talking to the Converted” der linksradikalen Erwachsenenbildung, gegen die du polemisierst. Sie ist tatsächlich idealistisch, weil diese Position meint, gesellschaftliche Transformationsprozesse finden auf einem “Schlachtfeld” der Meinungen und Ideen statt und nicht aufgrund realer politischer Kämpfe. So als müsste man den Leuten nur richtig sagen, dass alles Scheiße ist und dann würde der Kommunismus schon kommen. Es würde aber darum gehen, realpolitische Konfliktlinien, in denen noch ansatzweise Widersprüche im eigenen Leben erfahrbar sind (das sind sie nämlich im Lesekreis nicht, so wichtig dieser auch ist), mit einer vernünftigen Kritik an Kapital, Staat und Nation zu politisieren. Damit Praxis eben mehr wird als Rumlatschen auf Demos. Bei Blockupy passiert das sicher noch nicht. Wie und wo es aber dennoch geschehen müsste, könnte ja auch Gegenstand der Podiumsdiskussion sein. In diesem Sinne wärst du wohl mit deiner Kritik, die ja übrigens der Text von tfiu durchaus partiell teilt, dort am Besten aufgehoben.

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  2. wtb

    lieber gustav, ich glaube nicht, dass du dazu berechtigt bist, mir zu sagen, wo ich “am Besten aufgehoben” bin. vor allem muss ich mir das nicht von jemanden erklären lassen, der nicht in der lage ist zu lesen und angemessen auf meinen beitrag zu antworten. ich habe nämlich nirgendwo politische abstinenz eingefordert oder die revolutionäre subjektwerdung auf einen theoretischen akt beschränkt, sondern die abstrakte vorstellung von praxis und politik kritisiert, wie sie in dem text vorkommt. “Reinheit der Kritik” und “Selbstherrlichkeit”, die du mir vorwirfst, gibt es erstmal nur in deinem kopf, sind ganz offensichtlich projektionen und bekanntermaßen ordinäre ausdrücke von feindschaft gegen theorie. (erstaunlich, dass so was wieder hochgeholt wird.). wo eine kommunistische politik anzusetzen hat, hängt von den wirklichen verhältnissen, den lineamenten des klassenkampfes ab und nicht von irgendwelchen events einer sterbenden linken. um also eine adäquate politische strategie zu konzipieren, müsste man die wirklichen gesellschaftlichen bedingungen verstehen, unter denen die kämpfe stattfinden. man müsste also denken, wogegen du dich aber leider sträubst. deshalb werden folgerichtig auch die politischen spielchen, die du treiben willst, erfolglos sein. das soll mir ganz recht sein.

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  3. J

    Könnte ihr die Diskussionsveranstaltung vielleicht aufnehmen? Ich finde die aufgeworfenen Fragen recht wichtig für die Radikale Linke.

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