Redebeitrag zum 3. Oktober

Wir dokumentieren an dieser Stelle unseren Redebeitrag vom Protest gegen die Einheitsfeierlichkeiten 2014 in Hannover als Text und Audiodatei.

Nirgendwo lässt sich die angebliche Vielfalt des hiesigen Parteienspektrums so gut ablesen, wie an ihrem Verhältnis zur Leistung. Von der FDP über CDU/CSU und SPD bis hin zu den Grünen sind sich alle darin einig, dass sich Leistung wieder lohnen müsse. Und selbst die Linkspartei forderte im sächsischen Landtagswahlkampf „Leistungswille und Solidarität“. Dieser Leistungswille, auf den sich hier berufen wird, ist jedoch das Ergebnis von Erpressung.

Er ist erpresst durch die Drohung mit Verarmung, sozialer Ausgrenzung und Missachtung, die all Jene trifft, welche zum Wohle des Standorts gegenwärtig nichts beitragen können oder wollen.
Er ist erpresst von Arbeitslosen, die mit 1-€-Jobs ihre Arbeitsbereitschaft demonstrieren müssen, um dem Entzug ihrer Lebensgrundlage zu entgehen, die ohnehin schon knapp bemessen ist.
Er ist erpresst von Prekären, Minijobbern, Scheinselbstständigen und LeiharbeiterInnen, die sich gezwungen sehen, die eigene Leistungsfähigkeit ständig unter Beweis zu stellen. Sie tun dies aus Angst. Angst vor dem Abstieg in die Arbeitslosigkeit und auch in der Hoffnung auf eine Festanstellung und den damit scheinbar verbundenen Anschluss an die gesellschaftliche Normalität.

Bereits bei denen, die als SchülerInnen oder Studierende auf die Verwertung am Arbeitsmarkt erst vorbereitet werden sollen, führt das Leistungsprinzip dazu, dass Lerninhalte nicht nach eigenen Erkenntnisinteressen, sondern an den gegebenen Verwertungskriterien ausgerichtet sind. Zusätzlich füllen sie ihre eigene Freizeit mit Sprachkursen und unbezahlten Praktika.

Der Zugang zu zentralen Ressourcen und Lebensgrundlagen ist an die Bedingungen des Leistungsprinzips gebunden. Dieses führt dazu, dass die Vielfalt unserer Tätigkeiten nach fremd bestimmten Kriterien, letztlich nach den Verwertungsbedingungen der Ware Arbeitskraft, sortiert und beurteilt wird.
Es grenzt all die Tätigkeiten aus, die sich gegenwärtig nicht produktiv in Wert setzen lassen.
Dazu gehört die Pflege unserer sozialen Beziehungen, die Sorgearbeit für uns nahestehende Menschen, unsere politische Organisierung – und nicht zuletzt unser Müßiggang.

Es zwingt uns, die gesamte eigene Lebensgestaltung an den Kriterien cleverer Unternehmensplanung auszurichten. Unser Scheitern und unsere Misserfolge erscheinen dabei als individuelles Versagen. So werden wir alle in ein Konkurrenzverhältnis zueinander gesetzt, das unsere Zukunftsängste, unsere Unsicherheit, sowie die Ausgrenzung und Abwertung Anderer befördert.
Nicht Leistung muss sich wieder lohnen.
Wir wollen leben und kämpfen für all das Überflüssige und Wunderbare, das sich in unseren Beziehungen, unserer politischen Praxis und in unseren Träumen findet.

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